Zwischen Naturfragment und Bildstruktur –
Ann Agarwal's NatureCore Technique
"Unter dem programmatischen Titel „Im Wesen der Natur“ entsteht ein bildnerischer Kosmos, der vom äußeren Ursprung zum inneren Kern führt. Grundlage sind gesammelte Naturfragmente: Blätter, Fasern und Fundstücke werden geschichtet, farblich verdichtet, übermalt und schließlich fotografisch transformiert. Die Arbeiten wirken zugleich ruhig, meditativ und energiegeladen; ihre haptischen Oberflächen verbinden organische Struktur mit intensiven Farbräumen."
Dr. Alexander Rácz
Kunsthistoriker & Kunstexperte
Ann Agarwal's künstlerische Arbeit ist von einer Haltung geprägt, die Natur nicht als Motivreservoir, sondern als Erfahrungs- und Resonanzraum begreift. Mit ihrer NatureCore Technique entwickelt sie einen vielschichtigen Prozess, in dem Sammlung, sprachliche Setzung, malerische Anlage, materielle Konstruktion und fotografische Transformation eng miteinander verbunden sind. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie aus organischem Fragment, konzentrierter Wahrnehmung und künstlerischer Verdichtung ein Werk von eigener Präsenz entstehen kann.
Der Beginn jedes Werks liegt in der bewussten Hinwendung zur Natur. Das Gehen, Erkunden und Sammeln ist bei Agarwal kein vorbereitender Nebenschritt, sondern ein eigenständiger Akt der Verbindung. Blätter werden nicht nur visuell erfasst, sondern tastend, ins Licht gehalten, in ihrer Transparenz, Spannung und Brüchigkeit wahrgenommen. So entsteht ein Archiv von Naturfragmenten, das Erinnerungen an Orte, Lichtstimmungen und Zeitspuren bewahrt und den späteren Arbeiten eine konkrete, zugleich poetische Herkunft einschreibt.
Im Atelier werden diese Fragmente in einen offenen, schichtweisen Arbeitsprozess überführt. Zunächst entstehen auf der Leinwand textuelle und gedankliche Setzungen, erst danach treten die gepressten Blätter in einen bildnerischen Zusammenhang. Ihre Auswahl folgt weniger einem festen Plan als den strukturellen Möglichkeiten des Materials selbst: Maserung, Vorder- und Rückseite, Bruchkanten und Richtung werden zu bestimmenden Elementen der Komposition. Farbe speist sich aus einem über Jahre gewachsenen visuellen Gedächtnis und verbindet Naturbeobachtung, urbane Eindrücke und kulturelle Erfahrung zu eigenständigen Farbräumen.
In der fotografischen Phase entsteht aus dem Werkaufbau ein eigenständiger Bildraum. Durch variierende Belichtungen, wechselnde Distanzen und das bewusste Spiel von Schärfe und Unschärfe erforscht Agarwal einen Wahrnehmungszustand, in dem Konzentration und Loslassen ineinandergreifen. Der abschließende Prozess aus Nahsicht, Distanz und Reduktion schärft die Auswahl bis zu jenem Zustand, in dem ein Werk auch im Stillstand Bestand hat. Gerade daraus bezieht diese Kunst ihre Wirkung: Sie führt Vergänglichkeit und Dauer, materielle Präsenz und mediale Transformation in einen Bildraum über, der Konzentration, Ruhe und eine präzise Form von Wahrnehmung erfahrbar macht.
"Besonders prägend ist das Verhältnis von Fokus und Out of Focus. Agarwal sucht nicht die dokumentarische Abbildung der Natur, sondern einen Zustand der Wahrnehmung: Nähe und Distanz, Schärfe und Schweifen, Klarheit und Geheimnis treten in ein stilles Gleichgewicht. Die Kunstwerke zeigen stark vergrößerte, fragmentierte Naturstrukturen in Purpur, Türkis, Magenta, Blau, Gold und erdigen Dunkelzonen. Dadurch erscheinen Blätter und Oberflächen nicht als Motiv, sondern als eigenständige Bildräume, fast körperlich und stellenweise dreidimensional."
Dr. Alexander Rácz
Kunsthistoriker & Kunstexperte
© 2026 Ann Agarwal. Alle Rechte vorbehalten.